11.06.2026

64. Mitgliederversammlung der H2BZ-Initiative Hessen

MARKTHOCHLAUF, RESILIENZ UND FORSCHUNGSIMPULSE

Beim Gastgeber – dem Mitgliedsunternehmen – Messer SE in Bad Soden am Taunus

Die 64. Mitgliederversammlung der H2BZ-Initiative Hessen – ein Netzwerktreffen, wie es sein sollte. FOTOS: H2BZ HESSEN | ADLER
Die 64. Mitgliederversammlung der H2BZ-Initiative Hessen – ein Netzwerktreffen, wie es sein sollte. FOTOS: H2BZ HESSEN | ADLER

Mitte Mai 2026 fand die 64. Mitgliederversammlungder Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Initiative Hessen bei dem Mitgliedsunternehmen Messer SE & Co. KGaA in Bad Soden am Taunus statt. Timothy Evison, Senior Vice President Clean Hydrogen bei Messer, und Hauke Sötje, Vorstandsvorsitzender der H2BZ-Initiative Hessen, eröffneten gemeinsam das Branchenmeeting. Die Vorträge drehten sich um praxisnahe H2-Projekte und strukturelle Weichenstellungen. Im Mittelpunkt der Diskussionen stand die Frage, ob sich die Wasserstoffbranche bereits wieder aus dem „Tal des Hype Cycle“ herausbewege. 

H2BZ-Initiative Hessen
Aktive Vernetzung im „Tal des Hype Cycle“

Sötje berichtete von einem turbulenten Halbjahr. Trotz einiger Mitgliederabgänge durch Insolvenzen und Neuausrichtungen konnte die Initiative ihre Mitgliederzahl weitgehend stabil halten – die Werbung neuer Mitglieder bleibt jedoch zentrales Thema. Die Initiative war auf dem Wasserstoffkongress Rheinland-Pfalz und z.B. auf der Hyvolution Paris vertreten. Zusätzlich präsentierte sie sich Anfang Mai auf der IFAT in München. Dort entstand auf dem Gemeinschafts-stand mit dem H2BZ Netzwerk RLP ein wichtiger Erstkontakt zum neuen Staatssekretär im Hessischen Wirtschaftsministerium, Dr. Johannes Loheide.

In einem gemeinsamen Webinar der hessischen und rheinland-pfälzischen Wasserstoff-Initiativen zum Thema Wasserstoff-Tankstellen wurde das attraktive Förderprogramm in den Mittelpunkt gestellt. Es gab außerdem Begegnungen mit Wirtschaftsdelegationen aus Israel, Litauen, Lettland und Estland.
Während der bundesweiten „Woche des Wasserstoffs“ im Juni 2026 ist unter anderem eine Gemeinschaftsaktion an der Hochschule RheinMain (HSRM) mit dem Fraunhofer LBF, dem Leistungszentrum Wasserstoff Hanau und der HSRM geplant. Diese soll ein Schülerprogramm, einen Bürgerdialog und einen Wasserstoff-Stammtisch umfassen.

„Im Jahr 2027 besteht die H2BZ-Initiative Hessen seit 25 Jahren. Dies soll gebührend gefeiert werden. Der Vorstand ist offen für Anregungen aus dem Mitgliederbereich“, so Sötje.

Messer SE & Co. KGaA
Vom Industriegasespezialisten zum Mobilitätspartner

Andreas Noky, Leiter des Bereichs „Hydrogen Filling Stations“ bei Messer, stellte die Wasserstoffaktivitäten des familiengeführten Industriegaseunternehmens vor. In Kalifornien gehört Messer zu den größten H2-Lieferanten für ÖPNV-Busflotten (Foothill Transit, AC Transit). In einem US-Werk versorgt das Unternehmen seit über 20 Jahren eine Flotte von rund 800 Gabelstaplern mit Flüssigwasserstoff.

In Deutschland geht in den kommenden Wochen eine 10-Megawatt-Elektrolyse im interkommunalen Gewerbegebiet Brainergy Park Jülich in Betrieb. Betreiberin ist die HyDN GmbH, ein 50:50-Joint-Venture von Messer Industriegase und dem Kreis Düren. Mit einer Nennleistung von 10 Megawatt und einer Produktionskapazität von bis zu 180 Kilogramm Wasserstoff pro Stunde wird die Anlage eine der größeren ihrer Art in Deutschland sein.

Eine Wasserstofftankstelle für den örtlichen Busbetreiber in Kerpen (Rhein-Erft-Kreis) erreichte Anfang des Jahres mit über 450 kg einen Tagesbetankungsrekord. In sieben Monaten wurden rund 40 t Wasserstoff abgegeben und etwa 430t CO2 (im Vergleich zu Dieselbussen) eingespart.

Mit dem Joint Venture Symphony (gemeinsam mit Toyota Tsusho) bietet Messer Flottenbetreibern zwecks Planungssicherung einen interessanten, da kalkulierbaren, Kilometerpreis als Komplettlösung an.

Arbeitskreis Wasserstoffhochlauf
Thesen für die Landespolitik

David Coleman, Geschäftsführer der hynes GmbH, stellte im Auftrag der H2BZ-Initiative Hessen den Zwischenstand des Arbeitskreises Wasserstoffhochlauf vor. Dieser entwickelt seit September 2025 Handlungsempfehlungen für Hessen.
Vorgestellt wurden – stellvertretend für mittlerweile 17 Thesen – wurden folgende Kernforderungen, darunter der Aufbau einer zentralen, ressortübergreifenden Kompetenzstelle in Hessen, eine aktive Rolle des Landes bei der Risikoabsicherung für First Mover. Ebenfalls wichtig sei die Einbettung der Wasserstoffstrategie in eine integrierte Gesamtenergiestrategie sowie die Verstetigung des Zukunftsnetzes Hessen. Ergänzt wurden diese Empfehlungen um Forderungen in Richtung Berlin, etwa die regulatorische Gleichstellung von Brennstoffzellen und Wasserstoffverbrennern bei Energiesteuer und THG-Quote. Diskutiert wurde außerdem das Land Hessen selbst als Nutzer – mit dem Vorschlag, die Vorbildverpflichtung im Hessischen Energiegesetz auf Wasserstoffanwendungen und Landesfuhrparks zu erweitern. Erste Ergebnisse des Arbeitskreises Wasserstoffhochlauf sollen im dritten Quartal 2026 vorgelegt werden.

HTAI
Landesstelle Wasserstoff neu aufgestellt

Oliver Eich, Projektleiter Landesstelle Wasserstoff, erläuterte die strukturellen Veränderungen: Die Landesstelle Wasserstoff ist nicht mehr Teil der LandesEnergieAgentur LEA, sondern ist zur Hessen Trade & Invest (HTAI) und damit unter die Dachmarke „Technologieland Hessen" gewechselt. Hintergrund ist die strategische Neuaufstellung der hessischen Wirtschaftsförderung – die LEA fokussiert sich künftig auf Kommunen und Bürgerinnen und Bürger, die HTAI auf Unternehmen. Die Zuständigkeit des Wirtschaftsministeriums sowie die personelle Kontinuität bleiben erhalten. Derzeit beschäftigt sich das Team insbesondere mit dem bis zum 30. Juni 2026 verlängerten Bundesförder-Call für Wasserstoffmobilität und der neu veröffentlichten Studie zu Elektrolyse-Standortpotenzialen in Hessen.

KIT-Forschung von Prof. Tabea Arndt: Flüssigwasserstoff und Supraleiter

Prof. Dr. Tabea Arndt vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) zeigte auf, warum Flüssigwasserstoff insbesondere für große Fahrzeuge und hochintegrierte Antriebsstränge interessant wird. Auf dem KIT-Campus entsteht derzeit mit der Hydrogen Integration Platform eine Forschungsumgebung, in der jüngst ein industrieller Wasserstoffverflüssiger installiert wurde. Laut Arndt ist dies der zweitgrößte in Deutschland und der größte nicht kommerziell verfügbare. Mittelstands- und Industriepartner sollen dort niederschwellig mit Flüssigwasserstoff arbeiten können.

Im Mittelpunkt steht die Kombination aus Flüssigwasserstoff und Hochtemperatursupraleitern: Sie tragen rund tausendmal mehr Strom als Kupfer, sind inzwischen günstiger und werden durch den Flüssigwasserstoff praktisch kostenlos mitgekühlt. Als wissenschaftliches Highlight präsentierte Arndt einen neuartigen Käfigläufermotor ohne Endringe. Dieser besteht ausschließlich aus Hochtemperatursupraleitern, Kunststoff und Klebstoff und wurde im Labor erstmals erfolgreich getestet. Das Konzept funktioniert nur bei kryogenen Temperaturen und könnte neue Leistungsgewichte für E-Antriebe in Lkws, Loks und perspektivisch in der Luftfahrt ermöglichen.

Projekt Energiehöfe unter der Leitung von azare

Matthias Werner, Mitgründer von hynes, stellte den Sachstand zum Projekt „Energiehöfe – lokale Wasserstoffsysteme" vor. Dieses Projekt wurde Anfang 2026 von der H2BZ-Initiative Hessen an das Anwendungszentrum azare herangetragen. Da bestehende Förderprogramme entweder zu technologiespezifisch sind oder nicht auf dezentrale, sektorübergreifende Konzepte ausgelegt sind, wird das Gesamtkonzept in förderfähige Bausteine zerlegt – insbesondere hinsichtlich der Erzeugung und Speicherung vor Ort sowie der wärmetechnischen Nutzung mit Anschluss an die kommunale Wärmeplanung.

Prof. Dr. Birgit Scheppat, die Leiterin des Forschungszentrums azare, erläuterte die Positionierung des Zentrums. Der Anspruch sei es, Strom, Wärme und Gase als sektorgekoppelte Energiesysteme zu betrachten. Das azare-Team deckt Kompetenzen aus den Bereichen Abfallwirtschaft, Netzbetrieb, Cybersicherheit, Logistik und Luftfahrt. Wichtig seien kostengünstige Lösungen. azare steht für Kooperationen mit Mitgliedern offen.